2010 Oktober - Dezember: Franz. Guyana
 

2010 Mitte - Ende Oktober: Zweite Aequatorüberquerung Süd/Nord Brasilien - Französisch Guyana

Am 15. Oktober nahmen wir die zweite Aequatorüberquerung in diesem Jahr in Angriff, logischerweise nun von Süd nach Nord. Die ersten zwei Tage hatten wir noch hohen Wellengang. So waren die ca 10m langen Fischerboote auch schwer auszumachen, denn häufig verschwanden sie in den Tälern und tauchten nur kurz auf den Wellenkämmen auf. Wir kreuzten Gott sei Dank nur ein Netz und auch dieses ohne anzuhängen. Danach nahm der Wind und auch der Wellengang ab und wir zogen unter Spinnaker Richtung Nordost, ca 200nm von der Küste entfernt so dass wir weder Fischer noch Piraten in die Quere kamen. Sogar Frachter erschienen selten am Horizont. Ein Ereignis in diesen ruhigen Tagen war am 19. der Wechsel von der Süd- auf die Nordhalbkugel. Deutlich mehr Abwechslung wurde am folgenden Tag geboten: kurz vor Sonnenuntergang zogen wir eine ca 1m lange Dorade an Bord! Dies war der bislang grösste Fang den wir hatten. Wurde aber auch langsam Zeit, denn die Prachtsexemplare reizten Ady schon lange indem sie einfach unter unserem Heck schwammen und die Köder ignorierten! So kam in den kommenden 4 Tagen leckerer Fisch auf unsere Teller. Meine Nachtwache bei Vollmond und sternenklarem Himmel am 22. wurde durch ein nettes Geplauder über Funk mit einem Filippino auf einem Frachter unterwegs nach Hongkong, der unsere Route kreuzte, aufgelockert.
Eigentlich wollten wir ja am 28. Oktober in Kourou sein um den Start der Ariane mitzuverfolgen. Aber es kam anders: wir waren noch immer ca 250nm vom Ziel entfernt und Gewitterherde näherten sich uns. Wir konnten den gefürchteten Blitzen erfolgreich ausweichen. Dazwischen gab es streckenweise Flaute. Zuerst kämpften wir mit dem Motor dagegen an dass uns die Strömung, deren Ursprung wir nicht eruieren konnten, nach Afrika trug. Danach liesen wir uns einfach treiben bis der Wind ein Einsehen hatte und die MARADY wieder gegen die Strömung trug. Der Regen begleitete uns nur noch kurz, aber der Wellengang schüttelte uns noch zwei Tage durch. Am Abend hörten wir über Funk, dass ein Schiff aufgefordert wurde, den Kurs zu ändern um nicht in's Abschussgebiet der Ariane zu kommen. Also wurde der Start nicht, wie insgeheim gehofft, verschoben. Auch wenn der Himmel noch sehr bewölkt war klebten Ady's Blicke wie gebannt am Horizont um wenigstens ein Leuchten der Ariane zu erheischen. Bald hielt er jedes Glühwürmchen für eine Rakete. Gesehen haben wir nichts, aber als schliesslich Mary den Count Down in Französisch abzählte hatten wir etwas Ariane Feeling an Bord und sahen die „Marady1“ aufsteigen.

2010 Oktober - Dezember: Franz. Guyana

Iles de Salut:

Am 30. Oktober fiel unser Anker bei den Iles de Salut. Diese liegen vor Kourou, französisch Guyana. Auf diesen ehemaligern Gefängnisinseln handelt der Film Papillon, der auf einer wahren Geschichte basiert. Es ist schon ein beklemmendes Gefühl, wenn man zwischen den Ruinen der ehemaligen Zellen hindurchwandert. Dadurch, dass sämtliche Gebäude von der Natur zurückerobert wurden sehen sie zwar malerisch aus aber irgendwie hält sich der Schrecken zwischen den Gemäuern. Bis die Gefängsnisinseln 1953 aufgegeben wurden waren sie kahl. Heute wachsen tausende Kokospalmen und wir haben gleich unseren Vorrat für die nächsten Wochen aufgestockt. Neben den täglichen Ausflugskatamaranen von Kourou tauchte eines Tages auch die AIDA auf und spuckte ihre Passagiere auf die kleinen Inseln aus. Das war für uns ein Zeichen, endlich den Anker zu heben und Kourou anzulaufen.

Kourou:

Die Hauptattraktion von Kourou ist der Weltraumbahnhof der ESA, von wo aus die Ariane Raketen starten. Die Stadt liegt am gleichnamigen Fluss in den wir durch die freie Fahrrinne für die Space Center Zulieferer einliefen. Claudia und Friedrich lagen mit ihrer „EDEN“ bei der Einfahrt, also machten wir erst mal dort zwei Tage halt. Danach fuhren wir weiter den Fluss hoch um beim Fischersteg zu ankern. Die Strömumg im Fluss ist sehr stark, deshalb setzten wir zwei Anker an einer Kette. Und dann wurde natürlich unser Scooter im Dinghi an den Steg gefahren und an Land gehievt. Die Reise hat dem „Schnauferl“ offensichtlich nicht geschadet denn es lief hervorragend an. Am Abend wollten wir dann unser Landgefährt an einem Laternenpfahl festbinden. Aber da kamen Leute, die uns beobachtet hatten und erklärten, dass wenn wir das so lassen, am Morgen höchstens noch die Kette da sei. Aber wohin dann mit dem Gefährt? Wir können es ja nicht täglich mit dem Dinghi an Land bringen. Kein Problem für Vanderlene und Fabrice Bouton: wir können den „Booster“ (so werden Roller hierzulande bezeichnet) bei ihnen einstellen. Das war der Beginn einer super Freundschaft und die Gastfreundschaft der beiden ist wirklich grenzenlos!
Fabrice, seit 15 Jahren in Franz Guyana, arbeitet in der Qualitätssicherung an der Soyus Trägerrakete. Eigentlich hätte die Rakete dieses Russisch-Französischen Joint Ventures bereits dieses Jahr zum ersten Mal ab Kourou starten sollen, aber der Start wird frühestens im zweiten Quartal 2011 stattfinden. Seine Frau Vanderlene ist ursprünglich aus Brasilien und führte ein eigenes Restaurant. Nun will sie im Erdgeschoss ihres Hauses ein neues Restaurant eröffen. Die Lage ist ideal um das Restaurant zum Seglertreffpunkt zu machen.
Von nun an waren wir ausser zum Schlafen nur selten auf der MARADY. Wir durften die Werkstatt bei Bouton's benutzen und so wurde wieder mal ausgiebig Material zugeschnitten und geschliffen um später im Schiff verbaut zu werden. Mary war glücklich dass sie die Waschmaschine benutzen durfte, so wurde die Wäsche das erste Mal in diesem Jahr nicht von Hand gewaschen. Zudem standen viele Ausflüge auf dem Programm. Mary ging öfters mit Vanderlene und den Hunden in einem Crique (Teich in einem Bach mit wunderbar weichem Wassser) baden. Mit dem Roller besuchten wir einen Zoo, in dem ausschliesslich einheimische Tiere gehalten werden. So ein Puma, Jaguar oder eine Anakonda ist dort einfacher zu bewundern als in freier Wildbahn. Unsere Ausfahrten führten uns bis in die Hauptstadt Cayenne. Und natürlich in das beeindruckende Space Center. Am 26. November war es dann endlich so weit: wir konnten den Start der Ariane5 miterleben. Die Schallwelle des Startes erreichte uns erst als die Rakete schon hoch am Himmel war. Und die Erschütterung war sogar auf dem Schiff zu spüren.
Am darauf folgenden Wochenende war dann „Fete de Kourou“ angesagt. Gross und Klein erschien herausgeputzt bis in die Haarspitzen. Das heisst die männliche Bevölkerung trug Kopfbedeckung, entweder eine NY Schirmmütze oder die runden "Deckel" der Legionäre und Militär. Die Damen schwebten auf High Heels durch die Gegend und präsentierten ihre zum Teil enormen Hintern. Auch der Oberweite wurde mit Push Up's Nachdruck verliehen. Schlicht ein Fest für die Augen! Neben Konzerten unterschiedlichster Qualität war die Wahl der Miss Kourou ein wichtiger Programmpunkt. Misswahlen sind hier wichtig: es gibt in jedem Kaff und in jeder Bevölkerungsgruppe eine.
Ein weiterer Ausflug mit Vanderlene führte in den Cacao. Dort wurden vor rund 50 Jahren Hmonge Flüchtlinge aus Laos angesiedelt . Frankreich hat ihnen Asyl gewährt, aber man wollte sie dann doch nicht „en Metropole“. Auch in Cayenne wollte man die Schlitzaugen nicht, also wurden sie in den Regenwald verfrachtet. Dort pflanzen sie heute den Grossteil des in Franz Guyana kultivierten Gemüses an. Wobei vieles aus Frankreich oder Brasilien importiert wird und teilweise sehr teuer ist. 1kg Tomaten kann da schon mal 8 Euro kosten.

Ein absolutes Highlight war jedoch der Auslug in den Dschungel. Fabrice konnte ein Carbet (einfache Hütte mit Dach ohne Wände) von seinem Arbeitgeber mieten und so fanden wir uns am Freitag Abend mit Taschen voller Lebensmittel und dem Herzen voller Vorfreude zum Ausflug ein. Zuerst musste ein Motorboot abgeholt und in einem Nebenarm des Kourou gewassert werden. Dann ging die Fahrt ca 20min auf dem Fluss entlang dichten Regenwaldes zu unserer Wochenenddestination. Dort wurden die Hängematten aufgeknüpft und ausgiebig gegessen und getrunken. Am Samstag wurde die Gesellschaft dann noch erweitert mit Réne, seiner Frau Fran und Tochter Michéle inklusive Schwägerin Dedet. Zudem Alain & Jojo sowie Erik aus Frankreich (was hier Metropole genannt wird). Es wurde viel gelacht, gegessen und getrunken Und in der Hängematte konnte man den Bewohnern des undurchdringlichen Waldes bei ihrem nächtlichen Aktivitäten lauschen. Tagsüber gondelten wunderschöne Morpheus (blaue, handgrosse Schmetterlinge) über die kleine Lichtung. Nach dem einen oder anderen kurzen aber heftigen Regenguss kamen die Frösche zu Besuch, Kolibris schwirrten um Blüten und sogar ein Tukan zog vorüber. Bei den Herren kam dann auch der Jagdinstinkt hervor und sie gingen mit dem Boot auf Pirsch. Diesmal schoss Réne nichts. In der Kühltruhe bei Boutons lag jedoch noch ein Aligator, den er vor einiger Zeit erlegt hatte, der wurde dann ersatzweise in der kommenden Woche degustiert: schmeckt wie Hühnchen. Der Schwanz und die Krallen des Urviechs trocknen nun unter den Solarpanelen der MARADY.

Nach langen Diskussionen haben wir uns zum Kauf einer Waffe entschlossen. Eine Schrottflinte kann man in Franz Guyana legal erwerben, also machte sich Ady mit dem Scooter auf den Weg nach Cayenne. Nach ca 50km, auf halbem Weg gab das Gefährt jedoch seinen Geist auf. Ady musste dann per Autostopp zurück und Vanderlene holte mit ihm das Schnauferl ab. Also wieder etwas neues auf der to do list... Mit einem neuen Kolben war das Problem dann behoben.

Da Guyana ja zu Frankreich gehört verfügen die Supermärkte über ein in kulinarischer Hinsicht hervorragendes Angebot. Die Preise sind zwar eher etwas hoch, aber wir stockten doch unsere Vorräte mit Leckereien auf die wir schon lange nicht mehr auf den Tisch bekamen: Rosenkohl und Sauerkraut (in der Dose), Pastetli und so vieles mehr. Ganz zu schweigen von Käse inkl. Fondue.
Natürlich waren wir nicht die einzigen Segler im Flusslauf: Auf der HANA ITI trafen wir die Schweizer Marie-Luce und Didier. Auch die Argentinische Familie fand den Weg nach Kourou, die KARAMA und die beiden Japaner Fuji und Shire, die Deutsche BOMIKA (Boot mit Katzen) die Französchiche LAFKO die aus Malaysia kam und einige andere mehr. Zu Tratsch und Klatsch unter Seglern blieb für uns aber kaum Zeit.
Um uns wenigstens ein klein wenig zu bedanken luden wir Fabrice und Vanderlene zu einem Wochenendausflug zu den Iles de Salut ein. Ihr Freund Jerôme kam ebenfalls mit. Die beiden Tage hatten wir Glück mit dem Wetter: da die Regenzeit bereits begonnen hat fällt fast täglich etwas Regen, meist kurz aber kräftig. Dieses Wochenende blieb es aber trocken. Ansonsten gehört ein Schirm zum Acessoire jeder Guyanesin: entweder als Sonnenschutz oder um den Kopf trocken zu halten.

Französisch Guyana:

Französisch Guyana ist ein DOM (Département outremer) von Frankreich. Das Land bedeckt eine Fläche mehr als doppelt so gross wie die Schweiz, hat aber nur ca 200'000 Einwohner. Diese siedeln hauptsächlich in dem Streifen Savanne entlang der Küste, der grosse Rest ist Regenwald. Sehr viele der vor allem schwarzen Franzosen leben von der Sozialhilfe, dafür werden viele weniger attraktive Jobs von illegalen Einwanderen erledigt. So sind auch die Fischer aus Surinam und Britisch Guyana, meist illegal. Wir hatten einen herzlichen Kontakt zu diesen freundlichen Menschen und sie schenkten uns Fische. Wobei das stark gesalzene und getrocknete Exemplar unsere Gaumen weniger erfreute.
Ein weiteres Probelm des Landes ist der Abfall: Obwohl die Kehrichtabfuhr drei mal in der Woche kommt (oder halt auch zweimal...) wird sehr viel Abfall einfach liegen gelassen. Man arbeitet zwar intensiv an Lösungen, aber bis sich das Konzept von Abfall sammeln und trennen in den Köpfen der Guyanesen verankert hat wird wohl noch viel Wasser den Kourou runter laufen. Nach Brasilien genossen wir es jedoch, auch nach Sonnenuntergang gefahrlos durch das Städtchen zu flanieren.


Nachdem die Abfahrt einige Male verschoben wurde wurde am 22. Dezember das Schnauferl wieder an Bord der MARADY geholt und wir verliesen etwas wehmütig dieses faszinierende Land und seine Bewohner. Insebsondere Vanderlene und Fabrice werden in unseren Herzen mit uns in die Karibik reisen: unser nächstes Ziel heisst Bequia wo wir mit unseren Bekannten Paul und Selinda von der Mupfel das neue Jahr begrüssen wollen.

 
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